Nackenhaare 

Sie stellen sich gar nicht wirklich auf, die Nackenhaare. Sie machen sich einfach nur bemerkbar. Als er ihr ins Ohr flüstert, wird sie sich wieder einmal der Existenz ihrer Nackenhaare bewusst. Aber es ist kein schönes Bewusstsein und sie mag es nicht, dass sie sich so bemerkbar machen, wenn er in ihrer Nähe ist. Da ist auch noch das, was immer als Gänsehaut bezeichnet wird, aber in Wahrheit viel mehr einem Schauern gleicht; wenn es ihr kalt den Rücken hinunterläuft, weil sie im Kopf schon wieder ganz woanders war, das Glas Kaiserspritzer und das Gespräch am Tisch sie sich sicher hat fühlen lassen, bis da wieder seine Stimme war, nicht in voller Lautstärke, sondern ganz leise, aber ohrenbetäubend. Gerade noch kann sie sich zurückhalten, zusammenzuzucken. Stattdessen lacht sie und küsst ihn auf die Wange.  

Manchmal denkt sie, dass er wie eine Strafe sei, für vorangegangene Ereignisse. Sie hätte sich diese Ereignisse nicht zugeschrieben, aber die Welt sah das offenbar anders. Nur so kann sie es sich erklären, dass sie gerade ihn an der Seite haben musste. Das Traurige ist: Sie weiß es und er weiß es auch. Sie suchen nicht mehr gemeinsam nach dem großen Glück. Zu oft schon sind die Vorstellungen des einen an den Mauern des anderen zerbrochen und umgekehrt. Aber weil sie stets die Anfänge von etwas Großem vermieden, ihnen ausgewichen sind wie der herumfliegenden Kaffeetasse oder dem verbalen Frontalangriff, ist auch kein Ende in Sicht.  

Wäre er jetzt nicht da, hätte er sich jetzt nicht wieder neben sie gesetzt und etwas zu fest ihren Oberschenkel im Griff, wenn er jetzt einfach nicht Teil der Szenerie, dieser Party wäre. Wenn da einfach nur sie wäre, und alle anderen, alle außer er, dann könnte sie etwas anderes versuchen. Könnte schauen, ob sie mit einem anderen Mann ein Gespräch führen könnte, ohne dass sich ihre Nackenhaare bemerkbar machen würden. Wenn denn jemand überhaupt mit ihr reden würde. Er war auch das Ende einer Durststrecke und in beschissenen Momenten erklärt er ihr auch nur zu gerne, dass sie ganz allein bleiben würde, wenn es für ihn nicht mehr reicht. Das machte ihr Angst, denn Geduld ist nicht seine beste Eigenschaft. 

Und es ist schon beruhigend, jemanden an ihrer Seite zu wissen. Sich keine Sorgen machen zu müssen, über die Zukunft, auch wenn es jetzt nicht diese erträumte Zukunft ist, die sie damals als junge Frau noch hatte. Vielleicht müssen Beziehungen so sein, vielleicht ist das so eine erwachsene Beziehung; aber solange es irgendwie bestehen bleibt, ist es immer noch besser, als wieder allein sein zu müssen. Er kann auch Zärtlichkeit, das weiß sie ja, manchmal ist sein Flüstern auch etwas Beruhigendes oder etwas Erregendes und dann fühlt sie sich ihm ganz nah, ja, es gibt auch diese Momente. Und im Bett weiß er auch ganz genau, was sie will, was sie braucht. It’s not much, but it’s enough. Das sind dann die Momente, in denen sie sich geborgen fühlt und auch mal genug.  

Ihre Freundinnen und Freunde verstehen sie nicht, und sie es manchmal ja auch nicht. Sie redet schon nicht mehr mit ihnen darüber, weil sie sich nicht mehr erklären will. Sie muss doch nicht immer glücklich sein mit ihm, aber es hat doch auch etwas mit Glück zu tun, nicht allein zu sein. Er hält es mit ihr aus, so wie sie es mit ihm. Und wenn da dieses Gefühl manchmal ist, dann ist es Sicherheit, ist es Geborgenheit, in dieser Idee einer gemeinsamen Zukunft, dann fühlt er sich nicht wie eine Strafe an, da fühlt sie sich nicht verflucht an. Sie kann es den anderen nicht erklären, aber das ist ja nicht notwendig.  

Sie legt ihre Hand auf die seine, er lockert etwas den Griff. Er wird ihr am Heimweg wieder Vorwürfe machen, sie wird schon nicht mehr versuchen sich zu erklären, sie wird einfach schweigen, und dann wird sie die Tür aufsperren und dann werden sie sich im Vorraum schon ausziehen und miteinander schlafen, er wird sich um sie kümmern, um ihre Bedürfnisse, die er viel zu oft vernachlässigt, aber da wird er da sein, voll im Moment, und wenn sich ihr Höhepunkt nähert, dann denkt sie nicht an Morgen. An den nächsten Morgen, wenn er ihr wieder ins Ohr flüstern wird und sie dann wieder überprüfen muss, ob sie sich bemerkbar machen, die Nackenhaare. Oder ob es ab dann vielleicht ja doch alles endlich passt.  

&radieschen #72 – Fluch & Segen
Veröffentlicht in Dieser Text erschien erstmals im &radieschen #72 zum Thema „Fluch & Segen“, Winter 2024.
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