Wir nennen uns liebevoll Tiefpunkte.

Tief, das sind die Einkerbungen, die wir aufeinander hinterlassen haben. Die ganzen Kratzspuren von damals.
Es sind die Schnittwunden der nie geworfenen Messer und die Küsse, die die fehlenden Wunden überdecken sollten.

Tief, das ist unser Fall, als wir beschlossen haben, loszulassen.

Tief, das sind auch die eingeprägten Erinnerungen, die mich jedes Mal nicht wundern lassen, warum es mir nie gelingt, sie zu vergessen.

Genauso tief gehen deine Blicke, wenn ich dich zufällig in einer Bar treffe und wir beide schon viel zu tief in unsere Gläser geblickt haben. Dann fragst du mich mit deinem Augenaufschlag, wie es mir geht und fragst mich, ob es vielleicht doch noch nicht vorbei ist und meine Augen haben schon begonnen, dich ein weiteres Mal auszuziehen, bevor unsere Blicke sich trennen und wir in die Tiefe der Nacht verschwinden.

Wir zählen uns noch immer zu den Glücklichen, weil wir uns zumindest einmal hatten.
Wir schätzen uns glücklich, nicht aneinander vorbeigelebt zu haben, sondern für den kurzen Moment gemeinsam gefallen zu sein.
Aber irgendwann haben auch wir begonnen, uns wieder loszulassen,
haben uns im Fallen verloren
und in der Tiefe auch nicht mehr nach uns gesucht.

Dein Atem riecht nach Wein und Zigaretten, deine Haut riecht aber trotzdem wie immer nach Erdbeeren. Es hat mich schon von Anfang an fasziniert, wie ein Mensch so riechen kann. „Als wärst du als Kind in ein Marmeladenglas gefallen“, habe ich immer gesagt und du hast gelacht, hast viel zu viel gelacht, weil du wahrscheinlich immer noch täglich tief in dem Glas herumschwimmst, dich durch den verkochten Gelierzucker kämpfst, um erneut dieses Erdbeeraroma in dich aufzusaugen.

Wir dürfen das nicht wieder tun, sagen wir beide gleichzeitig nicht.
Wir nennen uns liebevoll Tiefpunkte und schweigen uns an. Die Sonne kämpft sich vergeblich durch die orangen Jalousien.

Es ist beinahe romantisch, aber das wollen wir beide nicht sehen.
Ich schenk dir mein Lächeln, du schenkst mir nichts, packst deine Sachen und verschwindest ein weiteres Mal.

Früher wollte ich einmal Tiefseetaucher werden.
Es war die Dunkelheit, die mich immer fasziniert hat.

Als ich dir einmal davon erzählt habe, nach meinem vierten Bier und deinem dritten Glas Wein, hast du davon geredet, mich zu begleiten.
Ich habe dich damals nicht ernst genommen, weil wir dann doch wieder nur gemeinsam gefallen wären.
Bis der eine den anderen loslässt und die Tiefe uns übermannt.

In den Tiefen meines SMS-Speichers suche ich manchmal nach unserem Glück. Wie gerne würde ich unserer Vergangenheit antworten, aber du hast schon seit Jahren nicht mehr diese Nummer. Und wenn ich lange genug scrolle, finde ich manchmal auch wieder unseren Abgrund.

Und trotz alledem warte ich wieder sehnsüchtig darauf, dass wir uns zufällig in einer Bar treffen und unsere Blicke viel zu tief in uns hineinbohren.

Weil es vielleicht das Einzige ist, das wir wirklich gut können.

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