Trinken wir uns den Abend schön.

Trinken wir uns den Abend schön.

Ein Bier erstmal, zum Anfangen. Einen langsamen Schluck, um den Körper ganz langsam auf den ankommenden Alkohol einzustellen und natürlich die Handbewegung zur Oberlippe, um den Schaum wegzuwischen. Auf dich, auf mich, auf ihn, auf uns und auch auf sie, die gerade vom Klo zurückgekommen ist. Wie schön ist es nur dass wir da sind, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, das sollten wir öfter machen, natürlich, aber das nächste Mal kann er schon wieder nicht, aber wir sollten doch. Eine Routine fürs Biertrinken, sonst vergessen wir ja ganz darauf und Hunger haben wir auch noch. Ohne Grundlage kein zweites Bier, das wissen wir doch schon.

Die zweite Runde Bier, der Abend ist noch richtig jung, nur dass wir jetzt schon beginnen, den Schaum mit der Zunge von der Oberlippe zu lecken, als wären wir Tiere. Wir lachen schon lauter, reden schon lauter, trinken uns schöner, damit wir vergessen, dass uns bereits die Gesprächsthemen auszugehen beginnen. Du willst noch einmal anstoßen, hebst das Glas und suchst die Blicke, und ich such auch deinen, wir treffen uns. Zuerst nur die Blicke, dann die Gläser, immer voller Augenkontakt, wir wollen doch keine hässlichen Kinder, du und ich. Wir haben noch nicht darüber gesprochen; also ob wir Kinder mögen, oder ob wir uns selber mögen, wir sind halt einfach nur hier und suchen Blicke, suchen Augenkontakt und lassen Gläser klingen, bis auch die andern einstimmen und man sich ja nicht überkreuzen darf, weil das auch so ein ungeschriebenes Gesetz ist, an das wir uns ungefragt halten.

Eine Runde Averna Sour für uns, weil es noch zu früh für Tequila ist, aber es ist niemals zu früh für Zitrone. Du, ich, er, sie und die anderen, die jetzt noch Platz genommen haben stoßen an. Auf uns, diesen Abend, nicht auf Donald Trump aber dafür auf Nordkorea, weil wir ja lustig sein wollen, aber es nicht sind.

Wir bestellen noch ein Bier, um diesen miserablen Geschmack von Averna und diesem Sour endlich runterspülen zu können. Alles wird gelöster, unser Humor und dein Blicke, alles löst sich auf, das ganze Lokal, unser Tisch. Wir stehen an der Bar und rauchen benommen unsere Lungen leer, lachen, blicken, tanzen, atmen.

Wir haben uns schon viel schöner getrunken. Du bist viel schöner, als ich dich in der Erinnerung hatte, bevor ich von der Toilette zurückkam. Wir sind viel schöner zusammen.

Noch ein Bier? Erstmal eine Runde Tequila. Wir brauchen das jetzt. Weil manchmal nur mehr Tequila wirkt, und du grad wieder Lust auf Zitrone kriegst. Ich verziehe mein Gesicht fast nicht mehr, dafür habe ich geübt, die letzten dreizehn Jahre, als das erste Mal Tequila am Speiseplan stand, aber du hast dein entsetztes Zitronengesicht. Er und sie und all die anderen, sie sind auch da, aber eigentlich nicht, denn eigentlich sind es nur wir beide.

Das vierte Bier ist das, oder? Das fünfte schon? Ich weiß es nicht und wir bestellen und kurzzeitig frage ich mich, ob ich noch genügend Geld dabei hab, aber natürlich, hab ich doch grad erst welches abgehoben und als ich den Gedanken verdränge bist da wieder du. Stehst vor mir, bittest mich um eine Zigarette, lächelst mich an. Ich mag deine neue Frisur, du hast dich kaum verändert, niemand hat etwas gesagt, aber mir ist es gleich aufgefallen. Hab dann aber auch nichts gesagt, weil es doch komisch wär und du es dann bemerken könntest, dass ich dich all die vielen Male besonders aufmerksam angesehen habe.

Hinter uns hat jemand ein fast volles Weinglas fallen gelassen und nach einer Schrecksekunde für das ganze Lokal, stößt der Fuß des Tollpatsches die Glasreste unter einen Tisch. Es fühlt sich still an hier, du, ich, wir uns gegenüber; er, sie und all die anderen um uns rum, als wären wir das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Mittelpunkt des Halbkreises, die Nuss, eingepackt in die Toffifee-Hülle. Es dauert nicht mehr lange, und er verabschiedet sich und sie geht gleich mit, denn sie hätten ja den gleichen Weg, aber wir wollen noch bleiben. Der Abend ist noch jung und noch nicht so schön, wie er sein könnte (also dann, wenn ihr endlich weg seid).

Die anderen zahlen noch eine Runde Averna Sour, um einen gewissen Bogen über unseren gemeinsamen Abend zu stülpen, Bier, Bier, Averna Sour, Bier, Tequila, Bier, Averna Sour. Sie verabschieden sich und wir wissen, dass wir noch zwei Bier vor uns haben, du und ich, an der Bar. Ich höre deinen Geschichten zu. Scheiß auf das Bier und scheiß auf all die anderen, auf den gewissen Bogen, der jetzt über unseren Abend liegt. Wir trinken beide noch ein kleines Bier, du erzählst von dir, von deinem Leben, von der Baustelle, vor deinem Haus und ich würd gern sagen „Komm, schlaf doch bei mir“, aber dann wärst du da und würdest bemerken, dass ich doch auch nur eine Baustelle vor meinem Haus habe und würdest wieder gehen. Ich höre dir zu, wir lachen, grinsen, unsere Augen, sie flimmern sich verliebt an, abwechselnd sehe ich dir beim Zuhören auf deine Augen und deine Lippen. Weil ich auf einen Moment warte, an dem du mich nicht im Blick hast, um meine Chance zu ergreifen. So ist zumindest der Plan und du bist nicht die erste Frau, bei der es nur ein schöner, mutiger Plan war und niemals Realität.

Wir zahlen. Es ist nicht billig, sich einen Abend schön zu trinken.

In Wahrheit brauchte es all des Geld nur, um abzuwarten, bis alle anderen verschwunden waren. Das war es mir wert und wird es auch immer sein, irgendwann nur mehr dir gegenüber zu sitzen, und als ich „Lass uns gehen“ sage, lachst du über mein Lallen, wir holen unsere verrauchten Jacken von der Garderobe und lassen uns von der frischen Luft vor der Tür ohrfeigen.

Wir gehen gemeinsam bis zum nächsten Würstelstand. Ein Wegbier noch, das hat man uns so beigebracht, damit die Heimfahrt sich anfühlt, als würd sie noch zum Abend gehören, wir stehen davor, stoßen an, unsere Blicke, sie sind immer noch so wie immer, irgendwie verzaubert. Das eiskalte Dosenbier schmeckt anders als all die anderen, und irgendwann entscheiden wir uns, dass es das war für heute, weil der Abend auch ein Ende haben muss, jetzt, ganz knapp vor dem Morgen. Wir müssen in unterschiedliche Richtungen und verabschieden uns deshalb. Ich beginne zaghaft, aber du schließt mich in deine Umarmung ein, die mich mit Wärme durchströmt, mit einem ganz wunderbaren Gefühl und am liebsten würd ich dich gar nicht mehr loslassen, aber du musst ja in die eine und ich in die andere Richtung.

Im Nachtbus trinke ich den letzten Schluck und erinnere mich noch an unsere Verabschiedung. An ihr werde ich zehren, weil da eben noch diese Utopie ist, diese Vorstellung, dass da mehr sein könnte, aber auch die schwelende Ungewissheit, der ich nicht gegenübertreten möchte, um sie auszulöschen und aufzulösen. Den letzten Kilometer muss ich zu Fuß gehen, von Weitem schon höre ich die Arbeiter auf der Baustelle arbeiten, die keine Nacht kennen und auch wenn ich wieder alleine in meine Wohnung zurückkehre, bin ich stolz darauf, wie schön wir uns diesen Abend getrunken haben, wie schön es doch war, mit ihm, ihr und all den anderen und vor allem auch mit dir und mit mir.

Ich werfe die leere, bereits leicht zusammengedrückte Dose in den Mülleimer unter meiner Spüle. Ich will mehr solche Abende, bitte, mehr Abende mit dir, mehr Abende mit Bier, mit Averna Sour und Tequila, aber vor allem will ich mehr.

Bildquelle: CC BY SA Bestimmte Rechte vorbehalten von Kamal H., Titel: Pub , Flickr

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