Die Vermessung des Wahns.

Wahn.jpg

Sie sagt nichts. Sie sieht mich nur an, mit ihrer Visage, aus der ich nichts herauslesen kann. Vielleicht muss sie das ja machen. Keine Emotion zeigen, sondern einfach mit diesem undurchdringbaren Pokerface vor mir sitzen, ihr Notizbuch auf dem Schoß, und mich anstarren. ‚Komm schon‘, denkt sie sich wahrscheinlich, ‚Ich schau dich jetzt noch ’ne halbe Minute so an, und dann legst du los, okay?‘ Ich gebe mich dem Spiel hin, versuche sogar noch, nicht zu blinzeln, will gewinnen. Ohne ihren Blick abzuwenden, streicht sie sich eine Strähne ihrer dunkelschwarzen Haare hinter das linke Ohr. Weniger als zehn Sekunden später öffnet sich plötzlich mein Mund. Ich beobachte sie weiter und nach dem dritten oder vierten Wort, lockern sich ihre Gesichtszüge wieder, in ihren Mundwinkeln ist der fast unscheinbare Anflug eines Lächelns zu erkennen. Ich muss den Kloß bereits hinunterschlucken, so sehr holt sie die emotionale Scheiße in mir hoch, als wäre es ihr Beruf und als würde ich sie dafür bezahlen.

Manchmal überzieht sie auch, nicht viel, nur für ein paar Minuten. Aber sie würde mich nie gehen lassen, wenn ich nicht zumindest einmal kurz weine. Manchmal, eben, da halt ich mich zurück, versuch nicht zu emotional zu werden, versuche über Triviales zu plaudern. Das ist dann der Moment, wo sie einfach nur ein einziges Wort sagt, ein „Aber“ oder ein „Und“, stets fragend, mit dieser einen kleinen Pause, wo sie meinen Blick sucht und dann noch meinen Namen dahinter setzt. Diese eine Nachfrage, die ich noch gebraucht habe, bis meine Tränen fließen können. Dann reicht sie mir die Box voll Kosmetiktücher, die offenbar weltweit als Taschentücher missbraucht werden, ich nehme mir eins, beende den Satz und schon ist die Sitzung Geschichte. „Darüber reden wir nächste Woche weiter, okay?“ Das machen wir nie, aber es beruhigt einen einfach. Es dauert am Mittwoch in sieben Tagen wieder ungefähr drei Viertel der Zeit um auf diesen Punkt zurückzukommen. Wenn überhaupt.

Sie begleitet mich noch zur Tür. Ich stell auf dem Weg dahin noch mein Glas in ihre Spüle, folge ihr hinaus in das Vorzimmer. „Möchtest du draußen noch eine rauchen?“ Ich nicke. Es geht schnell vorbei, wir beide rauchen schweigend, uns fehlt im Privaten die Erlaubnis kostenlos zu sprechen. Ohne dass irgendjemand in der Schuld des anderen ist. „Auf Wiedersehen!“, sage ich, hebe die Hand zum Abschied und steige in mein Auto.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis sie es abgeschlossen hat. Die Vermessung des Wahns. Insgeheim stelle ich mir vor, dass sie in einem Raum eine riesige Pinnwand hat, und jedes neue kleine Bruchstück meiner Welt hinzufügt, nach jeder unserer Sitzungen. So wie ein Polizeiermittler in den TV-Filmen. Mit Bildern von Menschen, von denen ich ihr erzählt habe, mit Zitaten von mir, vielen einzelnen Worten, Erkentnisse, verbunden mit bunten Schnüren, weil sie schließlich doch zusammenhängen. Aus blauem Papier ausgeschnittene Tränen, mit einem Reißnagel an jenen Stellen festgemacht, wo ich zu weinen beginnen musste. Eigentlich ist also sie die Verrückte. Sie kommt nicht los von mir, versucht mich zu erforschen, als wäre ich nur ein Experiment. Eine Operation am offenen Herzen. Woche für Woche.

Ihre Augen, ihr stiller, durchdringender Blick. Ich steige aufs Gas. Die Bundesstraße ist leer, viel zu leer für diese Uhrzeit, viel zu leer für dieses Leben. Einhundert, Einhundertzehn, Einhundertzwanzig. Was, wenn sie mir nicht helfen kann? Was, wenn das alles nur an mir liegt? Was, wenn wir uns all das nur einbilden. Wir alle. All das? Was nur, wenn nichts davon stimmt. Ein drückender Schmerz liegt auf meiner Brust, als würde das Lenkrad gegen die Rippen drücken, doch ich fahre immer noch zu schnell auf der viel zu leeren Straße. Ich bremse abrupt ab. Schalte den Blinker ein und lenke das Fahrzeug in eine kleine Bucht am Straßenrand, löse den Gurt und muss mich mit meinen Armen auf meinen eigenen Knien abstützen um erstmal ganz viel Luft zu holen.

Ich weiß, was ich gesehen hab.
Ich weiß, was ich gefühlt hab.
Ich weiß, dass es nicht sein kann.
Aber ich weiß auch, dass ich sie trotzdem sehen kann.
Dass sie bei mir sind. Dass ich nichts dagegen tun kann.
Ich könnte sie verleugnen, natürlich. Aber das ist ihnen egal.
Sie bleiben da.
Sind ein Teil von mir.
Ob ich will oder nicht.
Sie reden mit mir. Sie reden, tagein, tagaus, reden sie mit mir.
Ich kann sie immer hören. Ihre Stimmen. Ihre Schreie. Ihr Flehen.
Sie geben keinen Frieden.
Sie haben ja selbst auch keinen.

Tief einatmen, tief ausatmen. Immer und immer wieder. Nächste Woche werde ich wieder zu ihr fahren, werde mich auf den mit hellem Leder überzogenen Sessel setzen, der mich viel zu sehr einsinken lässt und lange genug ihrem Blick standhalten, bis ich mich wieder öffne. Aber sie wird nicht schlauer werden. Vielleicht nur Bruchstücke erfahren, wird es auf ihre verdammte Pinnwand heften. Aber sie wird es nicht verstehen können. Wie könnte sie auch. Wie soll das überhaupt jemand verstehen, wo ich es doch selber auch nicht kann?

Ich steige ins Auto. Er ist immer noch da, auf der Rückbank, hat mir zugesehen, als ich nach Atem suchend, hinausgestürzt bin. Er lächelt, als ich in den Spiegel blicke und meinen Gurt anbringe, so wie er schon immer gelächelt hat. „Sag nichts“, bitte ich. Er macht diese kindische Handbewegung, wo er mit einem unsichtbaren Schlüssel seinen Mund zusperrt und ihn anschließend wegwirft. Ich fahre wieder los und kann ihn trotzdem noch hören. Es hört wohl wahrscheinlich nie auf.

Bildquelle: NamensnennungKeine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von Leo Farshore

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: