Die Welt verändert sich. (Und wir krepieren nur so vor uns hin.)

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I
„Ich will euch allen wehtun.“

Wir haben es die ganze Zeit gewusst, dass die Welt sich weiterdreht. Wir brauchen jetzt gar nicht so überrascht dreinblicken. Es ist doch alles nur eine Konsequenz unserer Entscheidungen beziehungsweise auch all der Nichtentscheidungen. Irgendwo läuft all das in einen Trichter zusammen und kommt gut durchmischt wieder heraus. Und plötzlich ist alles anders. Das haben wir die ganze Zeit selbst verursacht. Ich mag sie nicht, diese Veränderung. Und euch mag ich auch nicht, weil es euch offenbar nicht so sehr stört. Ihr lebt weiter, als wäre alles nur ganz normal, als würde sich die Welt eben verändern, damit müsse man leben, und so lebt ihr einfach weiter, als wäre nichts anders. Als wäre alles wie immer. Ich will euch allen wehtun. Will euch brutal mit dem Gesicht in diese Veränderungskotze drücken, damit ihr es erkennt. Damit euch bewusst wird, was da vor unseren Augen abläuft. Damit ich nicht der Einzige bin, der sich all dessen bewusst sein muss.

Die Welt verändert sich, unaufhaltsam, und wir resignieren, wir regen uns zwar auf, aber nur so viel, dass es gerade mal für eine Statusmeldung auf Facebook reicht. Wir sind voll des Protests, zünden digital eine Kerze an und glauben, mündige Erdenbürger zu sein. Ihr seht es nicht, oder? Ihr sieht nicht das Feuer, den Brand, ihr seht nicht die Waffen und den Hass. Ihr seht es doch, oder? Und seht einfach nur nicht hin? Ich bin müde. Schon seit Tagen bin ich müde, bin außer Atem, obwohl ich liege, fühle mich fast wie Elliot von Mr. Robot, fühl mich schwach und leer und voller Tatendrang. Fantasielos im Kreatief. Und schäme mich für diese Wortkreation.

II
„Scheiter‘ mal bitte schnell für mich.“

„Drück mich bitte an dich und sag einfach nichts.“ Schweigen ist die beste Medizin. Sieben Tage schon, eine ganze Woche, nichts ist mehr, wie es einmal war. Ich kann nicht weiter zusehen, kann die Augen nicht mehr darauf richten, kann sie kaum mehr offenhalten. „Du weißt doch“, sage ich und weiß es nicht. Die immer gleichen Muster, immer und immer wieder. Verpackt in neuem Gewand, verpackt mit neuen Mustern und einer Schleife, aber immer doch nur das ewig Gleiche. Dieser verdammte Kreislauf, nicht mal richtig rund, aber immer wieder rattert man über die selben ausgetretenen Pfade um das Ewiggleiche zu tun. Und sich dabei möglichst klug vorzukommen.

Wir dürfen nicht mehr verlieren. Verlieren ist was für Verlierer und Verlierer haben in unserer Gesellschaft nichts verloren. Über die müssen wir lachen, müssen sie vorführen, wie in den Freakshows von damals. Müssen zeigen, dass es da welche gibt, die es nicht geschafft haben, in unserem System unterzukommen. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie es nicht wert sind.

Aber die Wahrheit ist vollkommen anders: Wir müssen scheitern. Wir müssen so furchtbar unendlich scheitern, alle miteinander. Zuerst du, dann ich. Dann alle anderen. Wir müssen zeigen, dass wir trotz aller Heraus- und Anforderungen an uns, dass wir trotz allem eines sind. Und dass wir das nie vergessen dürfen, obwohl wir es schon längst getan haben.

III
„Schau mir beim Krepieren zu!“

Was ist das nur für eine Welt? Ich weiß es nicht. Aber sie verändert sich so unaufhaltsam, mit jeder Schneeflocke, mit jedem Windstoß, mit jedem verdammten Reissack, der in China umfällt. Und wir sitzen nur hier, rotzen Worte hin und warten auf die Supernova. Wir sollten allesamt dabei sein, sollten an der Veränderung teilhaben und sie als Ausgangspunkt für uns selbst verstehen. Das tun wir aber nicht. Stattdessen krepieren wir langsam vor uns hin. Verlieren uns im Nichtsein.

Wir sollten uns verändern, sollten wachsen und fallen und können es nicht. Wir sollten nicht mehr zusehen und müssen es doch. Gefangen in der Hoffnung, das alles anders werden wird, ohne auch nur ein kleines bisschen darauf vorbereitet zu sein. Wann haben wir uns eigentlich so aufgegeben? Wann haben wir Schluss gemacht? Wo war der Punkt, an dem wir einfach stehen geblieben sind, anstatt einen verdammten Fuß vor den anderen zu setzen?

Und so krepieren wir, weil wir nichts anderes können.

Bildquelle: Bestimmte Rechte vorbehalten von Forty Photographs

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