Du bist es nicht.

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Du bist es nicht. Du bist nicht das, was ich am meisten vermisse.

Es ist vielmehr dieses Gefühl. Weißt du noch damals, vor wenigen Monaten, als die Welt sich so verdammt schaffbar anfühlte? Als alles, und ich meine wirklich alles möglich war? Ich lüge nicht, wenn ich dir sage, dass ich mich an keine Zeit bisher erinnern kann, in der ich mich so lebendig gefühlt habe. Ich war always on the run und immer in Erwartung, schon wieder irgendetwas zum ersten Mal zu machen. Das Klopfen meines Herzens als Dauerbeschallung. Als du mir Wien von oben gezeigt hast, wir uns am Dach der Baustelle die Sternschnuppen servierten, als wir eine Plakatwand verschönerten und manchmal einfach nur im Wettlauf die Rolltreppen hochgerannt sind, lachend und keuchend und du jedes Mal chancenlos. Und trotzdem hast du immer gewonnen. Das war alles, bevor es dieses Wir gab, das wir schufen und irgendwann auch wieder – aufgrund mangelnden Erfolges – aufgaben.

Dieses Gefühl vermisse ich, diesen Mut, diese Scheiß-drauf-Attitüde und diese Hoffnung, das alles anders kommen kann und nichts, ich meine wirklich nichts so sein muss, wie es gerade scheint. Natürlich zählt da auch die Verliebtheit dazu. Darauf darf man nicht vergessen. Die schlaflosen Nächte, weil wir um die Häuser gezogen sind, der Barfußtanz um drei Uhr früh im Sommerregen und der erste Kuss in the most romantic way ever. Es waren perfekte Wochen, es war eine Zeit, die auf ewig in meiner Erinnerung bleiben wird. Ich merke mir viel, wirklich viel, aber so eingebrannt, so perfekt abgespeichert ist nur wenig in meinem Kopf. Weil ich mich dutzende Male selber überrascht habe, weil ich mich getraut habe, weil ich aus mir rausgekommen bin.

Seither hat sich viel verändert, einige Monate haben ihren Platz bereits in den Geschichtsbüchern eingenommen und ich habe mich manchmal gefragt, warum du mir so verdammt fehlst. Aber ich glaube, das warst nicht du, die mir das Vermissen so schmackhaft gemacht hat. Es war dieses Gefühl, dass ich dank dir gespürt habe. Und jetzt muss ich es nur noch schaffen, dieses Gefühl auch ohne dich entstehen zu lassen.

Bereu mich.

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„Was willst du denn für mich sein?“, stell ich mir vor, dass du mich fragst, während ich einen Schluck von meinem Bier nehme und mir gleich danach die einhundertste Zigarette anzünde an diesem Abend. „Dein größter Fehler“, würde ich dir antworten, hättest du die Frage jemals gestellt, „Das möchte ich für dich sein.“ Und du würdest lachen, weil du es noch nicht siehst, aber ich würde dir ganz ernst in die Augen blicken, während ich gezielt regelmäßig meine Zigarette abäschere und immer wieder mal einen Schluck von meinem Bier nehme. „Ich will, dass du es bereust. Dass du mich bereust.“

Du kommst zurück von der Toilette, hast dich vorhin entschuldigt und bist verschwunden, ich war versunken, in meinen Gedanken, war verschwunden in dieser Welt. Du erweckst mich aus dieser Trance, erweckst den Tiger in mir, doch ich bleibe zahm, ganz ruhig, nehme einen Schluck und sehe dir tief in die Augen. Was für ein Abend und was für eine Nacht und was für ein Morgen schon. Wir sind weitergezogen, das sind wir, wie Nomaden. Haben die Bars und die Stadt und die Nacht und die Welt gewechselt, als wäre das alles nur ein Baukastentraum, bei der wir jede Zutat ganz bewusst ausgewählt hätten. Meine Jacke steht dir gut, sie steht dir viel besser als mir, ich möcht sie dir schenken, zünde mir die einhunderterste Zigarette an, lege einen Zehner auf den Tisch, nehm deine Hand und ziehe dich hinaus, und der Kellner schreit uns noch nach, bevor er das Geld am Tisch sieht, und das Bier ist zu Ende und die Zigarette der Anfang.

„Dann würdest du mich nie vergessen, weißt du“, hätte ich unsere Konversation von vorher fortgesetzt, hätte sie jemals stattgefunden und wärst du in dem Moment nicht gerade auf der Toilette gewesen und ich in Trance. „Ich will, dass du mich mit einer Emotion verbindest, weißt du? Nur Emotionen ketten unsere Erinnerungen an uns fest. Und es wird dir wohl leicht fallen, es zu bereuen“, würde ich sagen und dabei fast ein wenig traurig dabei klingen, aber ich meine es ernst. Weil es zu Ende gehen wird, weil die Welt es nie gut mit mir meint und ich mein das auch gar nicht so negativ, all good things come to an end, das weiß ich doch schon und will es nicht wissen. Aber wenn schon, dann möchte ich wenigstens Eindruck hinterlassen. Du sollst bitte noch an mich denken, hin und wieder einmal, wenn du endlich die große Liebe gefunden oder die Suche bereits aufgegeben hast. Ich möcht noch bleiben, selbst als bereute Erinnerung.

„Komm mit“, sag ich in jenem Gespräch, das auch wirklich stattfindet, das nicht ganz so rund läuft, wie das in meinem Kopf, aber das ist doch immer so. Bei so Menschen wie dir mache ich mir immer zu viel Gedanken. Will nichts Falsches sagen, nichts Falsches tun, will so ein perfektioniertes Unding von mir sein, dem ich nie mehr wieder gerecht werden kann. Dabei will ich doch all diese Fehler machen, ich will doch auch bereuen, so vieles, will mich für dich zum Idioten machen. Aber stattdessen wähle ich ganz bedacht meine Worte, um dich nicht zu verschrecken und um meine große Panik zu verdecken. „Komm mit, meine Liebe.“ Wir laufen runter zur Donau, denn ich will den Sonnenaufgang sehen und irgendwie sind Sonnenaufgänge vor allem in Verbindung mit Gewässern cool. Und wir sitzen auf dieser Parkbank, zwei Dosen Bier in der Hand, die wir uns noch beim Würstelstand gekauft haben und abwechselnd rauchen wir die einhundertzweite Zigarette gemeinsam, es ist die letzte aus dem Päckchen. Die Sonne kitzelt mich und kitzelt dich, du lehnst deinen Kopf auf meine Schulter und ich wage kaum noch zu atmen, damit ich mich so wenig wie möglich bewege. Ich küsse deine Stirn. Hoffentlich bereust du mich schon.

Eingereicht: „Nicht loslassen.“

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Diesmal war es keine schlaflose Nacht. Ich war, nach dem Einreichen von „Halt.“ sehr motiviert und wollte unbedingt, neun Jahre nach meiner überhaupt ersten Einreichung und meiner bisher letzten Einreichung für den FM4 Wortlaut-Wettbewerb, wieder teilnehmen. Vielleicht sollte ich mit meiner 2007-Einreichung beginnen. Das Werk mit dem kreativen Namen Bohemian Rhapsody war eine Weltschmerz-Suizid-Geschichte der spätpubertären Phase. Drama pur. Es reiht sich dabei perfekt ein in die Drama-Reihe dieses Jahres (u.a. das Meisterwerk the places you have come to fear the most). Ich bin glücklich, dass ich das mit dem Weltschmerz seither überwunden habe. Aber ich schweife schon wieder ab. Vielleicht war dieser Absatz aber auch einfach nur aus dem Grund da, damit ihr seht, dass ich mich sehr gut an alles erinnern kann.

Denn darum geht es auch in „Nicht loslassen.“, meiner Einreichung für den Wortlaut-Wettbewerb des Jahres 2016 zum Thema „FALLEN“. Um Erinnerungen, um das Nicht-loslassen-Können und um einen Dachboden. Am letzten Apriltag habe ich mit einem Freund noch darüber gesprochen, dass ich bisher noch ohne Idee dasitze, aber unbedingt etwas abgeben möchte. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, die Geschichte auf einem Dachboden spielen zu lassen. Und das macht sie jetzt auch.

Schlussendlich wurden es 19.952 Zeichen. Die Geschichte gefällt mir ebenfalls wieder sehr gut (eigentlich mehr noch als „Halt.“) und seit heute, 22.30 Uhr, ist sie auch offiziell eingereicht, eineinhalb Stunden vor Einsendeschluss. Jetzt heißt es warten und hoffen. Und im schlimmsten Fall hab ich zumindest eine lange, schöne Kurzgeschichte, die ich hier für euch veröffentlichen kann. Aber man muss natürlich immer positiv denken! Ich verziehe mich bis zur Jury-Entscheidung jedoch erstmal auf meinen Dachboden, okay?

Das fünfte Wort. • *.txt

Über 120 Texte sind bereits in diesem Jahr aus dem Projekt *.txt entstanden: Das ist großartig und freut mich als Organisator ganz besonders. Aber natürlich wäre das Projekt nichts ohne all die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, deshalb: Vielen lieben Dank fürs Dabeisein! Ich hoffe, die Veränderungen von 2015 auf 2016 wurden positiv aufgenommen, ich bin aber natürlich immer für Anregungen, Feedback und (konstruktive) Kritik offen. Am Besten einfach kommentieren. (Und falls hier jemand ist, der Ahnung davon hat: Wie könnte ich ein Google Spreadsheet schöner einbinden als wie hier? Aus der Tabelle der Formularantworten brauche ich vier Spalten, und die sollten mit Zeilenumbruch auf 640px-Breite dargestellt werden.) Aber jetzt mal zum neuen Wort:

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Quelle: duden.de

Hier noch einmal ein kurzes How-To für dich:

  1. Das hier ist das Wort. Nutze es weise.
  2. Du schreibst einen Beitrag und veröffentlichst ihn in deinem Blog.
  3. Du trägst deinen Beitrag in dieses Formular ein.
  4. Dein Beitrag erscheint dann automatisch auf der Übersichtsseite für alle Beiträge.
  5. Ich poste dann in möglichst regelmäßigen Abständen, falls das von dir gewünscht ist (du kannst dich im Formular dagegen aussprechen) die einzelnen Beiträge auf der *.txt-Facebookseite und dem *.txt-Twitteraccount
  6. Am ersten Mittwoch im Februar kommt das nächste Wort – falls du automatisch benachrichtigt werden willst, kannst du einerseits natürlich diesem Blog folgen oder andererseits den *.txt-Newsletter abonnieren.

Also, pack all deine Habseligkeiten, setz dich raus in die Sonne und schreib drauf los. Ich bin schon gespannt auf all die Ergüsse!

Lesestoff • Ausgabe #5/2016

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Der Mai ist ja mein Lieblingsmonat und das aus vielen Gründen: Ich habe im Mai Geburtstag, die katholische Kirche hat ganz viele Feiertage in diesen Monat reingelegt, außerdem ist er der beste aller Frühlingsmonate. Und die vielen Feiertage bedeuten auch, dass man mehr Zeit zu lesen hat. Hier sind sie also: Meine 15 Leseempfehlungen für den Monat Mai.

  1. Wie die Welt gehört (2) – tangofiligran.wordpress.com
  2. Liebes Leben, – prosathek.wordpress.com
  3. Die Wahrheit sollte jeder erfahren – felicitassturm.wordpress.com
  4. F41.OG – jottpunkt.wordpress.com
  5. XXV./24 Polna – 54stories.de
  6. Das werde ich dir niemals sagen – abgeschirmt.wordpress.com
  7. Die Toten zählen? – secsplaudereien.wordpress.com
  8. Trinksprüche – katkaesk.com
  9. An welchem Todestag wurdest du geboren – milchhonig.wordpress.com
  10. Von Salz & Meer – themagnoliablossom.wordpress.com
  11. Frühlingserwachen – peteremrich.wordpress.com
  12. Marks to prove it – ankegruenow.de
  13. where have you gone – kreuzbergsuedost.wordpress.com
  14. Brief an Klara – blog.minusgold.org
  15. Wer bin ich? Warum bin ich erwachsen? Warum gibt es grüne Paprikas? – ach-mensch.de