Harold and Maude • Colin Higgins

Der eine will betrauert werden und beschließt deshalb, regelmäßig zu sterben. Die andere ist dem Tod schon viel näher, hat aber noch so viel Leben und Wahnsinn in sich. 

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Harold geht gerne auf Begräbnisse. Er ist gerade einmal 20 Jahre alt, aber irgendetwas fasziniert ihn daran. Und seit er einmal beobachten konnte, wie seine Mutter reagierte, als sie erfuhr, dass er in einer Explosion ums Leben gekommen sei, versuchte er immer wieder, für sie zu sterben. Aber außer einer Therapie und der Warnung, dass er, wenn er so weitermache, bald zum Militär müsse, bekam Harold dafür nichts weiter.

Auf einem dieser Begräbnisse trifft er auf Maude, einer älteren Frau, die ihn anspricht und sich für ihn interessiert. Sie verbringen den restlichen Tag miteinander, freunden sich an, erleben verrückte Dinge und reden und reden und reden über Gott und die Welt. Über das Erwachsenwerden und Menschen, über die großen Träume und den Tod. Immer wieder überrascht Maude mit ihrem rebellischen Esprit, mit ihrer fast wahnsinnigen aber eindeutig liebenswerten Art.

Aber kann dieses Zweierteam, der junge Mann und die alte Frau, der Suizidvortäuscher und die Regeln-sind-da-um-gebrochen-zu-werden-Pensionistin, kann all das denn gut gehen?

Mann, Grau

Colin Higgins
geboren 1941 in Nouméa, Frankreich, gestorben 1988 in Los Angeles, USA

Higgins war vor allem als Drehbuchautor (u.a. eben Harold and Maude, Trans-Amerika-Express) und zusätzlich auch als Regisseur (u.a. Eine krumme Tour) aktiv. Weitere Veröffentlichungen sind nicht bekannt.

Dieses Buch habe ich zu Weihnachten (in der englischen Ausgabe) bekommen und es hat wieder einmal länger gedauert, bis ich es mir zu Gemüte geführt habe. Sprachlich nicht zu schwer geschrieben riss mich die Geschichte innerhalb kürzester Zeit vollkommen mit: Anfangs konnte ich zwar ich mit Harolds Aufständen und vorgetäuschten Suizidversuchen nicht viel anfangen, aber nach und nach verstand ich in welch grässlicher Welt dieser Freigeist hier gefangen war. Selbst Maude war mir anfänglich zwar schon sympathisch, aber doch fast zu verrückt. Auch da brauchte ich erst etwas, um zu verstehen, warum sie so agierte und was in ihrer Vergangenheit schon alles passiert war. Und obwohl es regelmäßig um Suizid und Begräbnisse geht, ist das Werk ein zutiefst lebensbejahendes Buch. Ein verrücktes Coming-of-Age-Buch der besonderen Art.

„It’s best not to be too moral. You cheat yourself out of too much life. Aim above morality.“

Harold and Maude hat mir natürlich schon immer etwas gesagt. Der Film wird regelmäßig als Klassiker genannt, aber worum es dabei ging, damit habe ich mich zuvor noch nicht beschäftigt. Das es in Wahrheit eine so verschrobene Geschichte mit verrücken Charakteren und viel Tiefsinn ist hat mich schlussendlich dann doch kalt erwischt. Sie reißt mit, überrascht und beinhaltet, wie ich im Nachhinein gelesen habe, so manche Info, die im Film nicht vorkommt. (Was aber nicht überraschend ist, weil das Buch nach dem Film und auf Basis des Drehbuches erschien.) Wer den Film kennt, sollte das Buch lesen. Und alle anderen natürlich auch.

978-3-15-009122-7.jpgColin Higgins

Harold and Maude

Reclam Fremdsprachentexte

Preis: Taschenbuch 5,40 Euro, gebraucht ab 88ct, ebook 5,13 Euro (Info zu Partnerlinks)

152 Seiten
ISBN: 978-3-150-09122-7

Fabian Neidhardt • Wortheld Juni 2016

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Fabian Neidhardt von mokita.de meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

Wer bist du und wenn ja, warum?

Wer ich bin, ist kurz: Fabian Neidhardt, Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns.

Warum, ist länger: Als ich 12 war, habe ich meinen vier Jahre älteren Cousin einen Abend moderieren sehen. Und ich dachte, das ist, was ich machen möchte. Ich möchte Menschen unterhalten und Geschichten erzählen. Das ist bis heute geblieben. Mit 16 habe ich mit dem Schreiben angefangen. Zuallererst ein Romanmanuskript, das ich mit 50.000 Worten etwa zu einem Drittel beendet habe und welches seitdem als „noch zu beendendes Projekt“ in der Schublade liegt.

Nach meinem Zivi habe ich mein Volontariat zum Redakteur und Moderator beim Radio gemacht. Dann habe den Bachelor of Arts in Sprechkunst und Sprecherziehung gemacht. Derzeit studiere ich den Master Literarisches Schreiben in Hildesheim.

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Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

42%

Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Mein halbes Leben. Angefangen habe ich, weil ich Stephen King gelesen habe und dachte, ich will auch einen Roman schreiben. Der Wunsch, zu unterhalten, siehe oben, war schon länger da. Ich kann nicht malen. Kann keine Noten lesen. Aber ich kann reden. Und schreiben. Also mache ich das.

Was macht dich sprachlos?

Vieles. Ich höre ebenso gerne zu (oder konsumiere Umwelt, andere Geschichten, Kommunikation, Leben), wie ich selbst erzähle. 

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Es gibt keinen kreativsten Ort. Ich kann überall arbeiten. Es gibt aber Umstände, die jeden Ort unbrauchbar machen. Zu laute Geräusche, Gespräche in einer mir verständlichen Sprache, zu viel Ablenkung. Ich schreibe gern im Zug. Aber auch hier an meinem Schreibtisch. Wenn ich in der richtigen Laune bin, kann ich überall schreiben.

Wer oder was inspiriert dich?

Alles. Neil Gaiman sagte „You get ideas from daydreaming. You get ideas from being bored. You get ideas all the time. The only difference between writers and other people is we notice when we’re doing it.“ Das fasst es ganz gut zusammen. Wir Geschichtenerzähler sind Voyeure. Sammeln alles, sortieren es und bringen es in einen neuen Zusammenhang. Ich kann dir bei allen Geschichten sagen, welcher Moment zu ihr geführt hat. Meine Romane kann ich aufsplitten in die Momente, aus denen er zusammengesetzt ist. Menschen um mich herum erkennen manche Momente oder gar Seiten an sich selbst wieder.

Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

15. Wobei das für nichts repräsentativ ist. 

Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Gibt sich nichts. Nur habe ich in den ganz glücklichen Phasen weniger die Muße, zu schreiben.

Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext? 

Das ist immer der aktuelle noch nicht geschriebene Text.

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

Paul von typopaul.de, David von captain-obvious.de und Stefan von stefanmesch.wordpress.comDies sind die ersten, die mir eingefallen sind. Und sobald ich das wegschicke, habe ich wahrscheinlich drei weitere im Kopf.

Das Crowdfunding-Hörbuch

Fabian hat eine tolle, angenehme Stimme und vor Jahren begonnen, das Buch „incommunicado“ von Michel Reimon in Form von einzelnen Podcasts nach und nach einzusprechen – irgendwann reichte aber (Sound)Qualität und Zeit nicht mehr. Jetzt will er es noch einmal machen. Mit eurer Unterstützung. Dafür hat er auf startnext.com eine Crowdfunding-Aktion gestartet.

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#19 • Dabei sein ist alles!

„Sie haben Post!“, rief mir mein Briefkasten auch diesmal nicht entgegen, aber ich habe mich schon gefragt, wann eine Nachricht aus Leipzig kommen würde. Gestern früh war es schließlich soweit:

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Die gute Nachricht zuerst: Ich werde weiter in Wien mein Dasein fristen. Die schlechte Nachricht: „Nach Sichtung der von ihnen eingereichten literarischen Arbeitsproben hat die Prüfungskomission mehrheitlich entschieden, Sie nicht zur Eignungsprüfung für den Masterstudiengang Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut einzuladen“, schreibt mir der Institutsdirektor und Autor Josef Haslinger. Jetzt ist natürlich die Frage, wie es mir dabei geht: Einerseits bin ich natürlich enttäuscht, weil es eine großartige Möglichkeit gewesen wäre, mit Profis an der Fertigstellung eines Manuskripts zu arbeiten und ich mich zum ersten Mal so richtig aus meinem Schneckenhaus hinaustrauen hätte müssen. Andererseits bin ich aber auch froh, weil es mir dieses Hinauswagen erspart, in einer Zeit, wo ich das andere Studium noch abschließen und einen Job suchen muss und endlich in der großen, „echten“ Selbstständigkeit ankommen will. Ich bin also traurich und glücklig zugleich. Das ist ja auch mal was.

Anfang des Jahres hatte ich ja zudem das Ziel, mein Buch einmal pro Monat an eine Literaturagentur zu schicken. 3 Mal ist mir das gelungen, danach kam das altbekannte Chaos. Stattdessen habe ich zwei neue Kurzgeschichten für Wettbewerbe eingereicht: einmal für den Wiener Werkstattpreis und einmal für den fm4 Wortlaut 2016. Das werte ich eindeutig als Erfolg. Allein, dass ich endlich wieder einmal etwas eingereicht habe, ist schon toll – und ich bin mit meinen zwei Geschichten auch so zufrieden (vor allem mit der für Wortlaut), dass es einfach nur unfassbar toll wäre, es irgendwie auf die Shortlist zu schaffen. Und wenn nicht, werde ich weinend immer und immer wieder den Satz „Dabei sein ist alles“ mit einem Messer in meine Fußsohlen ritzen.

Aber: Es wird wieder geschickt. Bald bekomme ich meine lektorierte Version von Volle Distanz. Näher zu dir und arbeite alles so rasch wie möglich ein. Der Sommer wird nicht untätig verbracht werden. Drückt mir über den Sommer also bitte die Daumen für die Bewerbe, redet mit Verlagsmenschen und sagt ihnen, dass es da einen tollen Typen im Netz mit einem coolen Buch gibt oder lest einfach hier weiter mit, wie ich irgendwann einmal das Ziel dieser unendlichen Geschichte erreiche.

Vollgepumpt mit irgendwas.

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„Ein großes Bier“ nehme ich, um in Stimmung zu kommen, weil mein Kopf ja sowieso immer nur dich beinhaltet, jede einzelne Faser von dir und jedes einzelne Wort; es ist beschlagen, das Glas, vom eiskalten Bier und als ich es nehme ruft schon jemand „Auf uns!“ und ich wiederhole den Satz, nehme mich dabei aber aus, weil mit mir heut nicht viel anzufangen sein wird, also ‚Auf euch!‘, lasst mich bitte einfach nur sitzen, hier bei euch und auf den ersten kühlen Schluck folgt eine Millisekunde Glück, doch sie verschwindet wieder. Ihr lacht, ich lache mit, wir lachen, weil man das eben so macht, abends in einer Bar wenn irgendjemand etwas Witziges erzählt. Manchmal nehmt ihr mich mit auf die Reise, aber ich sehe regelmäßig in den großen Spiegel hinter euch, der eine ganze Seite der Bar bedeckt und sehe da nur mich und euch und kein uns. Ihr wisst das aber nicht und sollt es auch nicht wissen, ich will unbemerkt bleiben, will leise grübeln, so langsam vor mich hin und hin und wieder auch lachen. „Für mich bitte noch eines“ und dann folgt der nächste erste Schluck, diesmal ohne dieser Millisekunde, aber das ist egal, weil auch das vorhin nur eine Utopie war, eine kurze. Manche gehen, andere stoßen erst dazu und ich schweige, lache, manchmal sage ich auch was, um ein Teil zu sein, der ich nicht bin, aber meistens trinke ich nur, weil es das ist, was ich am besten kann. Zumindest heute, weil es mir beim Vergessen hilft, obwohl es meine Gedankenmaschine nur noch mehr in Schwung bringt, selbst nach dem dritten Bier wird sie nicht langsamer, aber ich gebe nicht auf.

„Ein Wodka-Red-Bull“, weil wir schon bei der Bar angelangt sind, und der letzte Schluck vom dritten Bier nur mehr ekelhaft war. Da kann man die Leber natürlich mit härterem Alkohol und klebrig-süßen Energydrink wieder etwas beruhigen. „Ach, nein, zwei! Ist ja Happy Hour“ und ich lache, als ich das sage und denke mir, dass Happy Hour auch so etwas ist wie Fasching. Aber während sich die Menschen im Fasching in eine andere Gestalt begeben um ihr eigenes kleines Leben möglichst gut zu vergessen und ihnen dabei der Alkohol hilft, so ist die Happy Hour der Versuch, das Vergessen möglichst billig und möglichst rasch hinter sich zu bringen. Als jeder etwas zu trinken hat, nehme ich mein Glas, „Auf uns!“ und jeder stimmt ein, während ich bereits meine ersten 250 Milliliter auf ex austrinke und die Blicke wieder einmal auf mich ziehe. Von allen Blicken war es immer der deine, die mir wichtig war. Ich wollte etwas für dich sein, der Coole, der Lustige, der Verrückte, was auch immer, aber immer auch der Liebenswerte. Deshalb hat es mir wohl besonders weh getan, wenn ich an deinen Augen merkte, dass ich dir peinlich war. Manchmal passierte das, und dann war ich plötzlich vollkommen hilflos, „Nochmal zwei, bitte“, im Versuch und im Zwiespalt wieder der zu sein, den du haben möchtest, „Oder nein, jetzt bitte Whiskey-Cola“,  und der zu sein, der die Lacher abkriegt, der eben mal gerne im Mittelpunkt steht, wenn er gerade einen Lauf hat. Ihr beginnt mich zu fragen, ob alles okay sei, und ob ich mich nicht bremsen solle, wir würden ja eh alle noch länger bleiben. Aber ich schüttle nur den Kopf und erkläre mich mit „Es ist doch Happy Hour!“ und ich lächle, doch innerlich ekelt es mich schon, aber das ist egal. Du bist nicht hier, weichst aus, der Whiskey ist von der billigen Sorte, aber wenigstens das originale Coca Cola haben sie hier. Irgendwer hat einen Witz gerissen und selbst die Kellnerin grinst, als sie gerade bei uns steht und die Theke abwischt. Sie erinnert mich etwas an dich, wahrscheinlich grundlos, aber das haben Frauen, die ungefähr deine Größe, ungefähr deine Haarfarbe und Frisur, die ungefähr auch einfach nur eine Frau sind so an sich, sie erinnern mich an dich, weil ich jede einzelne Bewegung, jeden Spleen, jeden komischen Tick von dir aufgesogen habe und ich nun versuche, all das in jedem anderen Menschen zu sehen, um dich nicht mehr so verdammt einzigartig sein zu lassen. „Trinken wir alle noch ein Malibu Orange?“ und jeder sagt fast widerwillig ja. Weil wir das früher alle immer getrunken haben, nicht gemeinsam, noch bevor wir uns alle kennengelernt haben „Für mich bitte wieder zwei“ und eins auf ex und das zweite noch schnell, bevor jeder noch einmal aufs Klo geht, weil wir ja weiterziehen.

Die kühle Frühlingsluft schlägt uns ins Gesicht, der Wind bläst durch meine Haare, die nach dem langen Tag nicht mehr so wehen, wie noch am frühen Morgen. Es ist dunkel geworden, also so richtig. Bevor wir uns in der Bar trafen, war vom täglichen Niedergang der Sonne schon etwas zu merken, aber jetzt hat sie sich völlig unbemerkt von uns einfach aus dem Staub gemacht. Ich folge den Menschen, sie wissen schon, was sie tun. Ich denk nicht mehr ganz so oft an dich, kommt mir vor, aber während ich das so denke, vollkommen zusammenhanglos, zweifle ich gerade an meinem Urteilsvermögen. Ich zünde mir eine Zigarette an, die mir angeboten wird, zünde sie an, inhaliere sie. Behalte den Rauch extra lange in der Lunge. Beim Ausatmen kommt nicht mehr viel Rauch mit raus. So soll es sein. Langsam innerlich vergiften. Weiter. Auf dem Weg kaufen wir uns alle noch ein Wegbier beim Würtstelstand. „Es ist eh nicht weit“ sagt einer und ich glaube ihm, aber das Bier ist schließlich doch schon leer, bevor wir am Ziel ankommen. Von einer Bar in einen Club in ungefähr einer halben Stunde. Der Türsteher grabbelt unsere Taschen ab, meine auch, aber ich hab ja nichts. Keine Waffe, keine Drogen, nichts. Und du bist auch nicht dabei. Drinnen ist es stickig, die Nebelmaschine und die Zigaretten erzeugen eine so undurchsichtige Brühe, die über den Boden schwebt und immer mal wieder ins Sichtfeld rückt. Jetzt stehen wir hier, „Fünf Tequilas!“ brüllt jemand dem Kellner ins Ohr, damit er es auch versteht und zeigt es mit der vollen Fingerzahl einer ganzen Hand auch noch vor. Manche wagen sich auf die überfüllte Tanzfläche. Ich bleibe an der Bar, ein Schluck, ein Biss in die Zitrone, fünf verzerrte Gesichter. Hier vergeht die Zeit schneller als sonst, und es wird 1 Uhr. Dazwischen Biere, Cola-Rum, Tequila. Es ist lustig, obwohl ich eigentlich nicht gut drauf bin. Ich lasse mich ein, ich bin im Flow, ich kiffe bei einem Joint mit, der neben mir die Runde macht, ich will vergessen, und das gelingt mir vor allem, weil ich mich schön langsam verdammt betrunken fühle.

Es wird 3 Uhr, die Luft steht in diesem Club, in dieser hitzigen Höhle, ich will raus, wir sind noch weniger geworden, die Stimmung ist geladen, weil jeder vollgepumpt ist mit irgendwas. Der eine mit Alkohol, der andere mit Drogen, wieder andere nur mit Emotionen und es ist nur eine Frage der Zeit bis sich alles entlädt, bis alles sein Ende nimmt, bis die Nacht zum Morgen wird, bis das Licht angeht, bis irgendwer vorm Club eine Schlägerei anfangen will, aber der Türsteher die zwei Idioten auseinander zieht und ihnen ins Gesicht brüllt, bis sie das Weite suchen. Ich stolpere jetzt aber noch durch die Massen, berühre Dutzende schweißgebadete Tanzrücken, berühre Bäuche und Brüste, unabsichtlich, einzig nur im Versuch den Ausgang zu finden. Nur etwas Frischluft und eine Zigarette. Nur etwas Abwechslung von diesem spröden Club. Eine Zigarette habe ich mir rasch erschnorrt, Feuer bekomme ich auch und so setze ich mich ein paar Hundert Meter neben dem Eingang auf eine leere Parkbank. Was ist das nur für ein Abend? War es genug, um zu vergessen? War diese eine junge Frau, die mich kurzweilig angetanzt hat, wäre die was? Wie heißt sie eigentlich überhaupt. Nach dem dritten Zug an der Zigarette hat sich mein Magen dazu entschlossen, den Abend vorzeitig zu beenden und ich sitze hier, und kotze mir schön langsam die Seele aus dem Leib und Tränen sammeln sich in meinen Augen, weil es die Speiseröhre so reizt oder keine Ahnung warum. Ich sitze hier und kotze all diese Heilmittel des Vergessens wieder heraus und ich weiß noch, wie du mir damals Gesellschaft geleistet hast, als ich ein anderes Mal zu viel erwischt hatte. Wie du neben mir bliebst, obwohl du es eklig fandst, einfach weil du wusstest, dass ich nie gern alleine bin. All das fällt mir hier ein, ganz alleine und die immer noch brennende Zigarette werfe ich in den vollgekotzten Asphaltfleck zwischen meinen Beinen. Beinahe bin ich noch versucht, in dem abstrakt hingekotzten Fleck etwas Schönes zu entdecken, eine Ähnlichkeit mit dir oder so, aber in Wahrheit sitze ich hier nur auf einer Parkbank um halb vier Uhr früh, weine und das nicht nur weil ich gekotzt habe und bin so großartig gescheitert, dich aus meinem Kopf zu verdrängen, aber vielleicht stört mich auch gar nicht, dass du in meinem Kopf bist. Vielleicht steckst du ja in meinem ganzen Körper und vielleicht muss ich mir nur noch häufig genug die Seele aus dem Leib kotzen, bis irgendwann dann auch dieses eine kleine Stückchen von dir hochgewürgt wird und auf dem Gehweg landet.

Ich sehe nochmal nach. Nein. Heute war es nicht dabei.

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Jottpunkt • Wortheldin Mai 2016

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Jottpunkt von jottpunkt.wordpress.com meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

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Wer bist du und wenn ja, warum?

Ich bin Jenni (auf das „fer“ verzichte ich schon ewig, das „i“ ist allerdings obligatorisch), angeblich schon 30 Jahre alt und damit vermeintlich erwachsen – nur, dass ich mich weder so fühle, noch konsequent so handle.
Das Internet kennt mich seit 2010 unter dem Namen „Jottpunkt“ (und offenbar hat bis vor Kurzem niemand, mich eingeschlossen, gemerkt, dass sich eigentlich ein „t“ zu viel in diesen Namen geschlichen hat). Die liebsten Menschen von dort – viele andere auch – nennen mich dementsprechend „Jotti“. Und das darf auch gerne so bleiben.

Das alles ist das „Wer“ in seiner einfachsten Form. Vieles davon ist ohne mein Zutun passiert: Den Namen habe ich mir nicht ausgesucht, gealtert bin ich von alleine und das mit dem Internet und mir, naja – auch das ist einfach so passiert. Einfach so – und weil ich niemand bin, der gut darin ist, den Mund aufzumachen und auszusprechen, was ihn beschäftigt. Aber den Stift in die Hand nehmen und darüber schreiben – das konnte ich schon immer.

Ein bisschen führt das jetzt auch zu dem schwierigeren Teil der Frage: Warum bin ich, wer ich bin? Oder warum bin ich, wie ich bin? Das gehört ja irgendwie zusammen.

Ich könnte dir jetzt sagen, warum ich in manchen Belangen bin, wer und wie ich bin: Warum ich lieber schreibe als rede, warum ich mich schwer damit tue, selbstsicher zu sein, warum ich viele Dinge zerdenke und das oft ohne ersichtlichen Grund, ich könnte dir sagen, woher ein paar Steine in der Mauer stammen, gegen die einige Leute laufen oder zu laufen glauben, wenn sie mich kennenlernen (oder es versuchen) und warum bei mir alles immer ein bisschen traurig aussieht und immer ein bisschen so, als wäre alles schlecht (Spoiler: Es ist gar nicht alles schlecht!).
Ich könnte dir das alles sagen, das sind alles „Warums“, die das „Wer“ formen, das man im Internet (und auch außerhalb davon) in Facetten sehen kann – aber die Wahrheit ist: Ich kann’s eben nicht sagen.
Dir nicht und vielen anderen auch nicht. Manchmal nicht mal mir selbst.
Deswegen schreibe ich es auf, schon seit ein paar Jahren.
Deswegen gibt es „Jottpunkt“.

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Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

Manchmal so viel, so dass ich gelegentlich damit hadere, es stehenzulassen – oder überhaupt erst aufzuschreiben.

Das ist nämlich die Krux an der Internetwelt: Alle wollen gerne alles von allen mitbekommen – aber bitte immer nur so, dass es ihnen selbst kein unangenehmes Gefühl und keine Umstände bereitet.

Wenn du ein Schwarzweiß-Selfie mit melancholischem Blick und einem tiefgründigen Zitat postest, denken alle „Awww, wie goldig, diese kleine Grüblerin!“.
Drückst du das gleiche Gefühl, das dich das Zitat hat auswählen und veröffentlichen lassen, in eigenen, nicht geborgten Worten aus, in Form eines längeren Textes, der mehr Einsicht in dein Inneres gibt, aber im Gegenzug von anderen auch mehr Einsatz verlangt als einen double tap auf den Touchscreen, musst du dich (gefühlt) direkt rechtfertigen: „Hast du das gelesen?“, „Ich würde so etwas ja nie teilen!“

Ein Freund sagte mir mal: „Du findest dich noch immer nicht wirklich gut, oder? Du solltest mal dein Emo-Image ablegen.“ Und das saß. Aber das Ding ist: Es ist kein Image. So funktioniert mein Kopf. Und so funktionieren deswegen auch diese Texte und dieser Blog.

Ich sage nicht, dass das schön ist. Ich bin mir selbst oft zu viel und wenn ich könnte, würde ich alle paar Monate Urlaub von mir selbst machen und von dem, was in mir drückt. Aber das geht nicht, deswegen bleibe ich und stelle in den Texten einfach fest: Es ist so, für mich. So denke ich das. So fühle ich das. Im Moment des Schreibens – und demnach wohl auch schon eine ganze Weile vorher und vermutlich auch noch eine Zeit lang nach dem Veröffentlichen. In unterschiedlicher Intensivität.

Aus oben genannten Gründen würde ich manchmal gerne Fiktion schreiben können. (Das hat wirklich etwas mit Können zu tun und ich kann es einfach nicht.) Oder nur von glücklichen Begebenheiten erzählen. Dann denke ich wieder: Das Internet ist voll von „Heile Welt“-Content, der niemandem weh tut. Und das ist auch total okay. Es ist nur nicht das, was mich interessiert, keine Kerbe, in die ich schlagen will. Ich will sehen, lesen, wo sich Menschen an der Welt stoßen, worüber sie nachdenken, woran sie scheitern und wie sie es danach trotzdem wieder versuchen. Und ich möchte selbst auch lieber jemand sein, der zeigt: Das Leben ist nicht nur Hashtag „happy“ und instagramschön – und das ist absolut in Ordnung.

Es wird bei mir deswegen wohl immer ein bisschen „emo“ sein und immer auch ein bisschen gefühliger, als andere Menschen nachvollziehen können oder wollen. Aber die müssen es ja auch nicht lesen.

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Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich weiß gar nicht so genau, seit wann ich schreibe. Ich habe in der Schule gemerkt, dass mir Worte gut liegen und dass mir das Schreiben hilft, meine Gedanken zu sortieren und sie vielleicht, bedarfsweise, sogar anderen mitzuteilen – in der Form und Tiefe, in der ich selbst das möchte.

Eine sehr schöne Antwort auf das „Warum“ habe ich auch über meine Worthelden-Vorgänger_innen gefunden, und zwar in Form des Textes „Das werde ich dir niemals sagen“ auf dem wunderbaren Blog „abgeschirmt„. Besser könnte ich es nicht in Worte fassen, deswegen lasse ich es und verweise einfach darauf. All the feels.

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Was macht dich sprachlos?

Menschen. Ihr Verhalten. Gefühle, meine eigenen und die von anderen – im positiven wie auch im negativen Sinne. Das Leben an sich. Endlichkeit.

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Mein kreatives Zentrum ist mein Kopf und wenn da etwas raus muss, dann muss es raus und wird an Ort und Stelle ins Handy oder in ein Notizheft geschrieben.
Wenn ich nicht unterwegs bin und ich mein Nachdenken und Schreiben planen kann, dann ist mein kreativster Ort allerdings mein Bett. Von da aus mache ich eigentlich alles.

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Wer oder was inspiriert dich?

Schon wieder: Menschen.
Texte. Lieder. Fotos. Filme. Nachrichten. Gespräche oder Fetzen davon.
Wobei das alles am Ende ja auch wieder menschengemacht ist. Deswegen: Menschen, immer Menschen. Was sie tun, wie sie es tun, warum sie es tun, was sie fühlen, wie sie es fühlen, wie es sie formt, wie sie auf mich wirken undsoweiterundsofort.

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Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

Drei. Dazu kommen noch 12 Ideen-Skizzen auf Evernote, sowie jeweils eine Handvoll Fragemente in der iPhone-„Notizen“-App, im „Entwürfe“-Ordner auf Twitter und handgeschrieben in Heften.

Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Wenn es mir emotional bis Oberkante Unterlippe steht, schreibe am meisten. Aus Traurigkeit, Frustration, Unmut, Wut oder einer diffusen Mischung aus allem zusammen heraus. Und ich muss kleinlaut hinzufügen: Leider. 

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Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext?

Zuletzt war mir der „F41.0G„-Text sehr wichtig, dieses Sichtbarmachen und Zeigen: Hier ist nicht alles einfach. Hier ist nicht alles okay. Hier ist nicht alles „normal“, aber was heißt das schon? Es geht trotzdem weiter und falls es dir auch so geht: Du bist nicht alleine damit!

Der Beitrag zu Tinder hat damals auch einen ziemlichen Nerv getroffen. Den könnte ich heute noch genauso schreiben. Nur, dass der Fokus mittlerweile auf der traurigen Unart des Ghostings liegen würde. Das war damals noch nicht so gang und gäbe.

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

Die Texte von Kathrin (http://kathrinwessling.de/) liebe ich sehr (und ich verwende das Wort „liebe“ in der Regel nicht sehr leichtfertig) – wenn ich sie lese, möchte ich ständig „Ja! Ja, ja zu allem, verdammt!“ rufen.
Bei Melissa (https://ahestae.wordpress.com/) geht es mir genauso.
Und dann sind da noch Svenja und Pauline – was die beiden auf „in anbetracht“ (http://inanbetracht.tumblr.com/) schreiben, ist ebenfalls eine große Empfehlung wert.

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