Mimikry – Das Spiel des Lesens • Philipp Albers & Holm Friebe (Hg.)

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ meinte schon Hesse. Über Anfänge und Literatur, über das Spiel und den Betrug – darum geht es im Spiel des Lesens. (Inkl. Gewinnspiel!)

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Wir werden glücklich sein. [Ein Liebesbrief]

Hallo.

Ich habe aufgegeben, die richtigen Worte für den passenden Anfang zu finden. Wenn du das lesen wirst, werden wahrscheinlich bereits Jahre vergangen sein. Aber ich wollte es dir heute schon schreiben. Doch, so wie es scheint, gibt es in meiner Situation wohl keine richtigen Worte.

Und, ach ja, übrigens:
Das hier ist ein Liebesbrief.

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Kinderjahre • Jona Oberski

Aufwachsen im Konzentrationslager.

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Warum zerstört der Nachbarjunge seine Sandtörtchen? Warum verkauft der Krämer nun nicht mehr an seine Mutter? Warum der große gelbe Stern auf dem Mantel? Warum das nächtliche Aufbrechen, warum der Zug? Warum das Lager? Ist es der Weg nach Palästina, so wie es sein Vater ihm weisgemacht und wohl auch vielleicht selbst gehofft hat?

Er ist vier Jahre alt, als seine Eltern und er in das Konzentrationslager Bergen-Belsen kommen. All das Elend sieht er zwar, aber er versteht es nicht. Er erzählt, was er mit seinen kindlichen Augen zu sehen vermag, und erklärt, welche Gedanken ihn dabei begleiten. Der Tod seines Vaters,die Leichenberge im Totenhaus, die Mutproben, um zu den großen Kindern zu gehören, die letzte Zugfahrt, das Ende des Krieges und der Wahnsinn der Mutter. Kein Kind sollte in so frühen Jahren solche Erfahrungen machen und doch haben es zu viele machen müssen.

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Foto: © Ronald Sweering

Jona Oberski

geboren 1938 in Amsterdam

Weitere Werke auf Dänisch:

  • De ongenode gast (1995)
  • De eigenaar van niemandsland (1997)

In einfachen, klaren Worten hat Jona Oberski seine Erinnerungen aus seinen Kinderjahren 1978 in Buchform gebracht: Diese bedrückenden Beschreibungen der Lagererlebnisse, sein Rätseln und sein Ängste – sie alle machen das Buch zu etwas Besonderem. Bergen-Belsen war ein Konzentrationslager mit furchtbaren hygienischen Zuständen: die geschätzt 70.000 Toten starben an Krankheiten, an Seuchen. So wie sein Vater. Der Junge beschreibt „nur“ das Sichtbare. Und das ist wohl das Schreckliche daran. Mitzuerleben, wie er in diesem Horror älter wird, mitzuerleben, wie seine Eltern sterben. Die Worte sind teilweise so karg, treffen aber jedes Mal und hinterlassen einen recht sprachlos.

Ich sagte, dass ich kein kleines Kind sei und dass es mein eigener Vater sei und dass ich wohl noch dabei sein dürfte, wenn er stürbe, und dass alle Kinder, die ich kannte, auch dabei gewesen wären, als ihr Vater starb.

Diese einfache, diese naive Sicht auf das heute noch Unfassbare. Oberski schafft mit einfacher Sprache eine derart beklemmende Innenansicht eines Kindes, das das Unerklärbare verstehen möchte. Es berührt und verstört zugleich, es schockiert in seiner Einfachheit. Große Leseempfehlung – und vielen Dank an den Diogenes Verlag für diese Neuauflage!

Oberski-1.jpgJona Oberski

Kinderjahre

Diogenes

Preis: gebundene Ausgabe 20 Euro, eBook 16,99 Euro (Info zu Partnerlinks)

148 Seiten
ISBN: 978-3-257-06962-6

 

Transparenz: Mir wurde auf Anfrage ein kostenloses Rezensionsexemplar vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt.

Søren • Wortheld August 2016

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Søren von MUTAUSBRUCH meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

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Lesestoff • Ausgabe #8/2016

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Auch im Sommer sollte man lesen. Deshalb gibt es heute, wieder mal mit einem Tag Verspätung meine 15 literarischen Leseempfehlungen für den Monat August. Diesmal auch mit einem Text von mir.

  1. Von Lachen und Leichtigkeit. – mutausbruch.org
  2. In einem anderen Leben – felicitassturm.wordpress.com
  3. Am Brunnen von San Pablo – geschichtenundmeer.wordpress.com
  4. VI – einweggedanken.de
  5. Icareae #9 – erstegewesen.com
  6. days – blog.minusgold.org
  7. Nutellatage, Rotweinnächte. – anidenkt.de
  8. Blind – meichy.com
  9. Die Faser aller Dinge – prosathek.wordpress.com / Victoria B.
  10. +++ Ich brauche keine Liveticker +++ – dasnuf.de
  11. Heimweg – barbarakaufmann.wordpress.com
  12. Scheinbarer Aktionismus – modeste.me
  13. Au revoir, Monsieur E. – anneschuessler.com
  14. Leg den Text von damals auf – herzdamengeschichten.de
  15. Endstation Todessehnsucht – dominikleitner.com

Das achte Wort. • *.txt

Einhundervierundsiebzig Texte sind das bisherige Resultat vom Projekt *.txt in diesem Jahr – Wahnsinn! Deshalb habt ihr alle in diesem Monat die Möglichkeit, eure Narrenfreiheit voll und ganz auszuleben. Vielen Dank dabei an eine Freundin, die mir dieses Wort eigentlich bereits für das Juli-Wort in den Kopf gelegt hat. Aber Warten lohnt sich ja bekanntlich – hier ist es: Das August-Wort vom Projekt *.txt

(Im Newsletter steht fälschlicherweise, dass das neunte Wort am 3. August kommen würde. Das kommt natürlich erst im September, nämlich am 7.)

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Quelle: duden.de

Hier noch einmal ein kurzes How-To für dich:

  1. Das hier ist das Wort. Nutze es weise.
  2. Du schreibst einen Beitrag und veröffentlichst ihn in deinem Blog.
  3. Du trägst deinen Beitrag in dieses Formular ein.
  4. Dein Beitrag erscheint dann automatisch auf der Übersichtsseite für alle Beiträge.
  5. Ich poste dann in möglichst regelmäßigen Abständen, falls das von dir gewünscht ist (du kannst dich im Formular dagegen aussprechen) die einzelnen Beiträge auf der *.txt-Facebookseite und dem *.txt-Twitteraccount
  6. Am ersten Mittwoch im Februar kommt das nächste Wort – falls du automatisch benachrichtigt werden willst, kannst du einerseits natürlich diesem Blog folgen oder andererseits den *.txt-Newsletter abonnieren.

Los gehts! Ab ins Freibad! Ab in den Urlaub! Und schreiben!

Im ungleichen Kampf zwischen Liebe und Zweifel.

I

Du fragst: Was, wenn die ganze Liebe nicht reicht? Was, wenn man immer das Gefühl hat, dass irgendetwas fehlt? Man kann es nicht benennen, aber es ist eben doch immer da. Manchmal kommt es ans Tageslicht, zu flink um es zu erkennen, aber lange genug, um es zu bemerken. Was, wenn dieses eine Gefühl nicht mehr aus dem Kopf gehen will, obwohl da doch all die Liebe ist? Als würde ein kleines Bakterium beginnen, alles Schöne aufzufressen. Man weiß zwar längst, dass man erkrankt ist, scheitert aber vollends an der Heilung. Was, fragst du, was kann man da nur tun? Wie soll man da agieren? Wie sollen wir das ertragen?

II

Ich sehe: Wie du lächelst, wenn ich die Tür öffne und du einfach so da stehst. Diese zarte Bewegung deiner Lippen, und deine Augen, die die meinen suchen und auch finden. Ich schmecke deinen Lipgloss. Er schmeckt nach Erdbeeren und du weißt ja, dass ich den Geschmack von Erdeeren liebe. Du trägst ihn nur für mich und nach diesem Kuss lächeln wir beide uns an. Ich sehe dir dabei zu, wie du deine eine Strähne hinter dein Ohr streichst und manchmal küsse ich dich genau an diese Stelle am Hals, wo die Haare nun ihren Platz finden. Was würde uns nur fehlen, wenn etwas fehlen würde?

III

Du ziehst: Meine Hand aus deiner Unterhose. Es war dein Wunsch und jetzt meintest du, es würde einfach nicht passen und ich will dich natürlich auch nicht drängen. Aber es hat bis eben gepasst und ich bin ganz still, weil ich erspüren möchte, was den Ausschlag gegeben hat. Weil ich erfahren möchte, ob es an mir lag. Weil ich wissen möchte, was los ist. Du sagst aber nichts und drehst dich nur ein bisschen zur Seite, aber ein bisschen genug.

Ich ziehe: Mich zurück. Werfe Gedanken hinein und warte, bis sie große Kreise ziehen. Es sind wieder einmal diese verdammten Schmetterlinge. Sie machen alles kaputt. Denn zuerst sind sie da und man ist glücklich. Man ist vollkommen vernarrt und bespringt sich notgeil in einem Aufzug, selbst wenn man nur vier Stockwerke damit überwinden muss. Nichts kann einen vom anderen fernhalten. Aber irgendwann verschwinden die Schmetterlinge schließlich und irgendwann kommen die Maurer. Stein für Stein.

IV

Willkommen im Aber.
Ich wollte nie, dass du dich für mich veränderst. Aber.
Ich wäre heute sehr gerne bei dir, an deiner Seite. Aber.
Ich glaube dir natürlich. Aber.
Ich liebe dich. Aber.
Aber.
Aber.

Es hat: Begonnen.

V

Wir sind: Nächtelang durch all die Straßen gelaufen, auf der Suche nach dem Anfang. Nach all dem Anfang mit seiner Schmetterlingsherde. Wir sind jedoch nur manchmal über die ersten Auswüchse und Wurzeln des Ende gestolpert. Der Mond ist hell erleuchtet, fast Vollmond und die Nacht zeigt sich von ihrer besten Seite. Wir lachen, sind glücklich, wir sind wir, nicht du und ich und doch sind wir bereits verloren. Es sind die Gedanken, die uns zermartern. Es sind die Gefühle, die deshalb sich selbst auffressen. Wir sind Zuseher im ungleichen Kampf zwischen Liebe und Zweifel. Zwischen Was-wäre-wenn und Warum-nicht-nehmen-was-ist. Zwischen Realität mit Schmutz und Arbeit im Gepäck und dieser verdammten Utopie. Wir sind nächtelang gelaufen, haben uns noch einmal gemeinsam so richtig lebendig gefühlt. Aber es ist wie ein Aufbäumen, ein letztes Hochschrecken. Der Anfang vom Ende sozusagen.

VI

Du sagst: Es fehlt etwas, spürst du das nicht.
Und natürlich spüre ich es, weil du mir fehlst.
Du sagst: Ich bin nicht mehr glücklich mit dir.
Und natürlich bin ich es auch so ganz ohne dich.
Du sagst: Ich weiß nicht woran wir gescheitert sind.
Und natürlich weiß ich es doch.
Du sagst: Ich wünsch dir den besten Partner auf der ganzen Welt.
Und natürlich: Das bist nur du.

VII

Ich stehe: Mit deinen Sachen vor deiner Tür. Wir nehmen Abschied, zum wievielten Male nochmal? Wir gehen unterschiedliche Wege, du gehst sie zumindest und ich stehe bloß still, weil ich nicht gehen kann und auch nicht gehen will. In deiner Schachtel sind CDs und Bücher, sind kleine Briefchen und unsere gemeinsame Vergangenheit. Ich stelle sie ab, vor deiner Tür. Du bist nicht daheim. Nie bist du daheim, wenn ich in jungen Nächten an deinem Wohnhaus vorbeigehe, kein Licht brennt hier und auch kein Leben. Meine Wohnung ist leer von dir und ist viel zu leer so ganz ohne dich. Deine Tür und ich, wir schweigen uns an, ich setze mich auf die Stiege, die einen noch ein Stockwerk höher führt; als würde ich warten, als würde ich auf dich warten können, dass du die Treppe hochkommst oder den Lift, aussteigst und bemerkt hast, dass nichts fehlt. Aber ich warte nicht. Ich verweile nur. Verweilen ist die letzte Möglichkeit, die Gegenwart etwas länger einzufangen, bis auch sie zur Vergangenheit wird.

VIII

Wir haben: Aufgegeben.

 

IX

Ich vermisse: Dein Lächeln, deine Strähne, deine Ohren, deinen Hals. Deinen Lipgloss mit all den Erdbeeren. Ich vermisse deinen Kopf an meiner Schulter, deine Hand sanft auf der meinen. Ich vermisse deine Küsse und Berührungen. Vermisse es, neben dir munter zu werden und mich langsam an dich zu schmiegen. Ich vermisse es, Kaffee für uns beide zu machen und vermisse es, wenn du plötzlich in deinem Schlaf-Top und deiner Unterhose in meiner Küche stehst.

Aber am meisten vermisse ich deinen Glauben an mich. Denn nicht nur habe ich deinen Glauben verloren, sondern leider wohl auch den meinen.

X

Ich frage: Was, wenn die ganze Liebe nie reicht? Wenn da immer etwas ist, das unsere Aufmerksamkeit haben will. Wenn das wie ein Krebsgeschwür einfach kommt und wächst und wächst. Und nur zwei Menschen mit gemeinsam erstarktem Immunssystem können es überwinden. Was, wenn alle um uns irgendwann einmal diese Zweifel hatten? Und wir gehören nun zu den Verlierern, weil wir vorzeitig aufgehört haben. Oder zu schwach waren. Beides macht mich traurig.

Gestern hast du mir meine Dinge zurückgebracht. Alles hineingestopft in jenen Karton, den ich eigentlich dir zurückgegeben habe. Langsam, bedächtig, räume ich sie aus, räume die Bücher ins Regal, räume die CDs in die Schublade, werfe die Zahnbürste in den Mülleimer. Nur die Schachtel. Die bleibt. Sie ist nun das letzte, was ich von dir habe.

XI

Ich sehe: Dich wieder. Es ist unausweichlich und wir reden auch miteinander. Wir reden, als wären wir nur Freunde und als hätten wir nicht für all die Zeit das Bett, das Leben, die Körperflüssigkeiten und die Träume geteilt. Wir spielen die perfekten „Lass-uns-Freunde-bleiben“-Freunde, du in der besten weiblichen und ich in der besten männlichen Hauptrolle. Wir bleiben oberflächlich. Du erzählst mir nicht, wer dir gestern sichtlich den Schlaf geraubt hat und ich erzähle dir nicht, dass ich mir mit Onenightstands die Traurigkeit wegficke, weil du mir immer noch fehlst. Ja, brülle ich dir lautlos ins Ohr: Du fehlst mir immer noch, verdammt. Aber das dauert eben. Alles dauert eben. Irgendwann taucht da jemand Neuer auf, der mich infiziert. Der diese Bindung mit dir endlich kappt, dieses ungesunde Ungetüm, aber jetzt können wir gerne nur noch reden. Fast so als wären wir Freunde.

XII

Ich denke: Fast gar nicht mehr an dich.

XIII

Ich bin: Verliebt. Es ist wundervoll. Es ist einzigartig. Ganz anders als mit dir und mir damals. Es ist intensiver und schöner, es ist atemberaubender und farbenfroher. Sie ist wundervoll und wunderschön. Sie gibt mir Hoffnung und sie glaubt an mich! So wie du damals, nur noch mehr. Sie küsst so sanft und leidenschaftlich. Und sie hat ein Parfum, das nach Erdbeeren riecht, weißt du? Das ist der Beginn von etwas Neuem, verstehst du?

XIV

Die Schmetterlinge sind weg. Es war nur eine Frage der Zeit. Jetzt heißt es warten. Jetzt kann es also jederzeit passieren, dass dieses neue Wir zwischen ihr und mir explodiert. Bis ich erneut vor den Trümmern stehe und mich frage, wo es eigentlich begann falsch zu laufen. Du hast dich jetzt auch frisch verliebt, hab ich gehört. Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass es mich freut für dich. Ich müsste lügen, wenn ich sage, ich hoffe, du wirst glücklich mit ihm. Denn ich möchte jetzt endlich glücklich sein, möchte nicht immer in der Angst leben, dass es ihr, trotz all der Liebe, nicht reicht.

Es soll: Jetzt endlich einmal um mich gehen, okay?

XV

Ich habe: Nun auch endlich deine Schachtel weggeworfen. Und ich glaube, es fühlt sich richtig an.

Bildquelle: DeathtotheStockPhoto / Lizenz (in Plain English)